Greetings from Moravia

So, Genossen, hier wieder einige Neuigkeiten von der Schizo-Front wissenschaftlicher Diskursproduktionen. Ich befinde mich gerade in Brno, im Herzen Moraviens (Nazi-Sprech: Mähren), und alles fängt gleich so an, wie man es von früher kannte: Ankunft um 1 Uhr nachts im sozialistischen Schlaftempel mit einem klassischen tschechischen Pförtner: Freundlich, entspannt und nicht aus der Ruhe zu bringen. Außer man will das Zimmer mit Euro bezahlen, anstatt mit Kronen. Der Mann aktiviert mitten in der Nacht jegliches Personal, weil er unbedingt tschechisches Geld haben will.
Dazu braucht man aber den Wechselkurs, Folge: er blättert alle Käseblätter durch, die in der Recepcia liegen, ohne Erfolg. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, daß er meinen Paß behalten soll, ich bin müde nach der Fahrt und zahle morgen. Njet. Ich soll doch ein paar Kilometer ins Carlton-Hotel fahren, die können wechseln. Interessanterweise bleibt er immer noch entspannt, denkt sich wohl, is ja kein Problem, da hinzufahren, auch im Sozialismus hatten wir immer die Zeit tot geschlagen.
Ich bleibe freundlich, aber bestimmt; die beste Taktik, wo immer man sich befindet auf der Welt und Probleme auftauchen: einfach nicht gehen, lächeln, mehrmals »danke« in der Landessprache sagen. Wieder lächeln, sich freuen, nach Bier und Zigaretten fragen. Auf keinen Fall gehen. Lächeln.
Er gibt auf. Ich kriege den Zimmerschlüssel, den Paß behält er. Er schmeißt nen Ami um 1.30 Uhr aus’m Bett, damit ich zu dem ins Dormitory kann. Der schaut etwas dumm aus der Wäsche, fühlt sich wohl an kommunistische Zeiten erinnert, die er mal in der High School durchgenommen hatte. Ich entschuldige mich, der Pförtner lacht entspannt und erzählt ne Geschichte, die keiner versteht.
Endlich in die Falle, Decke übern Kopf, einschlafen. Dachte ich. »My friend« von der Pforte klopft wieder an die Tür, wie der Ami entnervt meint. Nochmal aufstehen, vor mir der Karel-Bruckner-Verschnitt, freut sich wie ein Kind: er hat Kronen aufgetrieben im Haus, endlich kann er tauschen! Ich bleibe freundlich, stehe nackt im Flur, der Ami denkt, wir drehen nen Porno, weil der Genosse mit Scheinen in der Hand auf mich zugelaufen kommt. Wir machen ein Cash-Geschäft auf Kronen und Pfennig, absolut akkurater Wechselkurs, Karel Bruckner freut sich diebisch: alles hat seine Ordnung, Kollegia morgen früh hat njema problema. Der Ami denkt sich wahrscheinlich: das muß wohl diese Old Europe sein. Karel lacht und verabschiedet sich mit einem Dobro Noce. Ich schlafe ein. Es tut gut wieder in Osteuropa zu sein.

4 Responses to “Greetings from Moravia”

  1. upanischaden Says:

    Ich habe mich sehr über deinen Bericht amüsiert. Besonders die Stelle mit dem nackten Mule stelle ich mir schon sehr peinlich vor. Ich wünsch dir noch viele schöne Erlebnisse in Tschechien.

  2. the mule Says:

    War allerdings nicht peinlich, sondern in bester Fear & Loathing Tradition ….. Außer vielleicht, daß DIESER Ami sicher keine Drogen genommen hat.
    »Prüde« gibt es ja glaub ich nicht im postsozialistischen Wortschatz…

  3. upanischaden Says:

    Diese Szenen könnten auch durchaus aus einem Kusturica Film sein.

  4. the mule Says:

    das ist war, tragisch genug war’s auch. Aber eben auch komisch. Ich hab mich selten so gefreut, zu spät ins Bett zu kommen ….

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